To the Moon – Das Goldstück unter den Indiegames

Es gibt viele große Game-Giganten, die Zockerherzen zuverlässig höher schlagen lassen. Vor allem RPGs wie Final Fantasy, The Legend of Zelda oder The Witcher begeistern mich jedes Mal aufs Neue. Heute besticht die Bandbreite an modernen Titeln durch hochauflösende Grafiken und astreine Programmierung, sodass die Textur eines Kieselsteins bereits aufwendiger erscheint, als der kleine Pikachu-Pixelklotz in der alten Pokémon-Edition Gelb. Aber als Nostalgiker weiß man die charmanten Kästchen von damals zu schätzen und so komme ich zu dem wundervollen Goldstück, das ich euch heute wärmstens empfehlen möchte: To The Moon.

„Wie soll ich von der Großartigkeit erzählen, ohne die Geschichte zu verraten??“ – Eurogamer

Kan Gao, auch bekannt als „Reives“, ist der erst 23-jährige Gründer der unabhängigen Videospielfirma „Freebird Games“ und einer meiner persönlichen Helden der Spielewelt. „I’m like the guy with a drink in the corner of the party, just sipping on it and looking at who’s here,“ so Gao. Und trotz seiner Bescheidenheit servierte er uns eines der besten Indi-PC-Spiele seiner Zeit, das sich in die Genres RPG und Adventure eingliedert. Es wurde 2012 auf Steam veröffentlicht und dank seiner Beliebtheit gleich in 10 Sprachen übersetzt, obwohl der kleine Hersteller zunächst niemandem ein Begriff war.

Kein Wunder, denn zu deutsch „Zum Mond“ ist eines der ersten Werke aus der Hand des chinesischen Informatik-Students und trotzdem schon ein Meisterstreich: To the Moon wurde komplett mit dem RPG Maker XP von Enterbrain kreiert, Gao schrieb nicht nur die brillante Story (2011 Auszeichnung für „Beste Story“ auf GameSpot, womit sie Portal 2 und Xenoblade Chronicles schlug), sondern auch den zauberhaften Soundtrack mit 31 Stücken, den er eigenhändig komponierte und einspielte – und das alles im Alleingang. Lediglich Laura Shigihara half beim Theme Song mit, so auch 3 weitere Freunde von Gao, die neben ihm selbst diverse Grafiken für das Spiel erstellten.
To The Moon wurde weiterhin in den Kategorien „Beste Musik“, „Denkwürdigster Moment“, „Beste Dialoge“,„Bestes Ende“ und „Song des Jahres“ nominiert. Zudem war es im Erscheinungsjahr das von Nutzern höchstbewerteste Computerspiel auf Metacritic. Aber fern all dieser Zahlen und Preise geht es vor allem um das, was das Spiel vermittelt.

Nekonique To The Moon Freebird Games

Die Handlung beginnt mit Professor Rosalene und Professor Watts, zwei recht gegensätzlichen Wissenschaftlern, die für die Sigmund Corporation arbeiten. Diese bietet eine futuristische Technologie an, welche Menschen auf dem Sterbebett eine komplett „erfundene“ Erinnerung einpflanzt, mit der sie friedlich loslassen können – weil sie ein traumatisches Leben hatten, das sie jahrelang gequält hat. Das komplizierte daran ist, dass der Patient seine überschriebene Identität als tatsächliche, alternative Wahrheit akzeptieren muss, ohne sie als ein künstliches Konstrukt zu entlarven.
Johnny Wyles ist jener Kunde, der vor seinem Tod eine grausame Vergangenheit durch die „Wunschrealität“ ersetzen lassen möchte. Mit dieser Mission machen Rosalene und Watts sich auf den Weg in die psychische Dimension von Johnnys Erinnerungen und reisen mittels „Mementos“ (einschnittigen Erlebnissen, die als Gegenstände manifestiert sind) immer tiefer zurück in der Zeit. Die Verdrängungen und harten Medikamente, die Johnny über Jahre zu sich nehmen musste, reißen seine Memoiren in Fragmente, sodass tiefschürfend geforscht werden muss, weshalb was genau passiert ist. Man begegnet seinen Freunden und Verwandten und fühlt sich in eine authentische, mitreißende Welt versetzt.
Einige „Mystery“, wenn nicht sogar „Horror“-Momente, in denen man fassungslos vor überwältigenden Neuigkeiten steht, motivieren den Spieler konstant die Zusammenhänge des Traumas weiter aufzudecken. Johnnys verstorbene Ehefrau River, eine verschlossene Einzelgängerin, die am Asperger Syndrom litt, steht dabei im Mittelpunkt seines Werdegangs. Je weiter man in den facettenreichen Kapiteln seines Lebens zurückspringt, desto erschreckender und packender wird die Story. Wir graben uns letztendlich in die Abgründe seiner Kindheit vor und stehen mit Gänsehaut vor dem Punkt, an dem sein Leben in die Dunkelheit stürzte. Mehr möchte ich von der Handlung an dieser Stelle gar nicht verraten, aber es endet in einem Wahnsinns Finale, bei dem ich wirklich heulen musste wie ein Wasserfall.

Nekonique To The Moon Freebird Games

Die spielbaren Charaktere sind einmalig charismatisch, Watts ist ein nerdiger Scherzkeks und steht damit im Kontrast zu der gewissenhaften Rosalene. Die absolut genialen Dialoge haben mich mehr als ein Mal Tränen lachen lassen oder zu tiefem Grübeln bewegt. Das ganze Spektakel wird von dem Versprechen „des Treffens auf dem Mond“, umwerfender Musik und einer unheimlichen, surrealen Stimmung begleitet. Die Steuerung basiert auf den klassischen Kreuztasten des Gameboys bzw. da es sich um ein PC-Spiel im alten RPG-Pixel-Look handelt, den Pfeiltasten auf der Tastatur. Das Setting, die Figuren, die Dialoge, die Musik und das Gameplay durch die Memory-Levels machen To the Moon zu einem emotionalen Überflieger.

Ich kaufte mir das Spiel damals für schlappe 4,99€ von einem Wühltisch im Saturn, den Soundtrack und ein Artbook gab es gleich kostenlos drauf. „Hm ja, sieht ganz cool aus“, dachte ich erst halbherzig und kaum hatte ich es zuhause ins Laufwerk geschmissen, wollte ich nicht mehr aufhören. Mit seiner durchschnittlichen Spielzeit von circa. 1-2 Tagen ist es ein kurzes, aber intensives Erlebnis, das ich jedem Fan von emotionalen Geschichten, vielschichtigen Persönlichkeiten und liebevoll gestalteten Detail-Leveln ans Herz legen möchte.

Wer von dem Hauptgame nicht genug bekommt, kann sich über die kostenlose „Holiday Special Minisode“ freuen. Ein zweiter Teil von To The Moon ist bereits in Planung, ein Releasedate aber bislang unbekannt. Außerdem gibt es da noch das Game „A Bird Story“, welches Ende 2014 veröffentlicht wurde und eine Art Vorgeschichte für den geplanten zweiten Teil liefert. Um den endlosen Heulkrampf-Reaktionen etwas entgegen zu wirken, wurde später ein inoffizieller „humorvoller“ Trailer gemacht, den ihr euch hier anschauen könnt.


Fotos: To The Moon, Freebird Games
Trailer: Kan Gao, Youtube

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