23. Mainzer Minipressen Messe – Märchenwelt vs. Zickenkrieg

Dieses Jahr fand die 23. Mainzer Minipressen-Messe statt, eine Ausstellungsplattform für Kleinverlage und Underground-Literaten. Für Besucher bietet nicht nur die bunte Mischung an Wortakrobaten und deren unkonventionelle Werke Entertainment, sondern auch umfangreiches Rahmenprogramm, das auf kreative Weise schult, unterhält und informiert. Darunter fallen Lesungen, Druckvorführung, Workshops, Konzerte und natürlich die Vergabe des 19. Victor-Otto-Stomps-Preises für „herausragende kleinverlegerische Leistungen“. Aber bevor ich euch von den gegensätzlichen Erfahrungen meines Rundgangs erzähle, werfen wir mal einen kurzen Blick ins Geschichtsbuch:

1953 besaß Victor Otto Stomps, Inhaber der Rabenpresse, Eremitenpresse und Neuen Rabenpresse, die erste Idee zu einer Messe für unbekannte Talente mit Förderungspotenzial. Leider blieb es lediglich bei einer Vision, die erst 10 Jahre später vom Herausgeber der Kyklos-Presse in Form der „Frankfurter Literarischen Pfingstmesse“ umgesetzt wurde. Erstmals bot sich die einmalige Chance für Außenseiter, Zukunftsgestalter und Selbstverleger ihr Können unter Beweis zu stellen und das politische, sowieso kulturelle Zeitgeschehen für die Ewigkeit zu dokumentieren. Dennoch verschwand das Event, trotz seiner Beliebtheit, so schnell in der Versenkung, wie es aufgestiegen war – nach nur drei Veranstaltungen.
Erst Norbert „Kuba“ Kubatzki, ein Kleinverleger aus Mainz, rief das Konzept 1970 wieder ins Leben. 90 Aussteller lockten 9000 Besucher in die Hauptstadt, um fortan alle zwei Jahre die individuellen Bücher und Drucke zu bestaunen oder zu erwerben. Im Laufe der Zeit wagte die Entwicklung der heutigen „Mainzer Minipressen-Messe“ einen gewaltigen Sprung: Durchschnittlich 10.000 Besucher strömen durch die Stände von etwa 360 Ausstellern, womit das Event als größte Buchmesse für künstlerische Handpressen in ganz Europa gilt. Sie etablierte sich letztendlich als Austauschpunkt für originelle Ideen und neueste Trends im Sektor Druck, Literatur und Kunst.

Nekonique Minipressen Messe

Nekonique Minipressen Messe

Nekonique Minipressen Messe

Um 11 Uhr morgens stand ich, brav den Online-Öffnungszeiten folgend, auf der Matte, um gespannt durch die Glastüren der Messe zu schreiten. Am Eingang wachte jedoch ein grimmig dreinblickender Anzugträger, der mich mit der Ansage zurückwies, der Einlass beginne erst ab 14 Uhr. Verwirrt checkte ich die Infos auf der Facebookseite und fand mich fix in einer enttäuschten Traube Besuchern wieder, die das gleiche Problem hatten. Der Mann starrte sie auf Erwähnung der falschen Uhrzeit bloß an, als haben sie gerade behauptet, die Erde sei eine Scheibe. Seufzend zückte ich meine Playlist, bis es 3 Stunden später erneut vor verschlossene Tore ging. Dort erwartete mich das unschöne Szenario einer Dame, die dringend Einlass erbat, um auf die Toilette zu können.
Es war bereits 10 nach 2, was Frau Türwächter nicht davon abhielt ihr ein genervtes „Ich lass Sie noch nicht rein, wenn’s Ihnen nicht passt dann verschwinden Sie halt nach Hause.“, an den Kopf zu werfen. Verständnisloses Kopfschütteln ging durch die Menschengruppe, die sich an den Türen gestaut hatte, bevor endlich geöffnet wurde. Mit gemischten Gefühlen verschaffte ich mir einen Überblick der Aussteller und schlenderte neugierig durch die Gänge, um die schlechte Stimmung zu vergessen. Zunächst begeisterte mich eine große, altertümliche Druckpresse, die von einem Herren in entsprechender Kostümierung zur Vorführung der damaligen Print-Technik betätigt wurde.
Das verpasste dem ganzen einen tollen Zeitreise-Effekt, die kindlichen Motive punkteten durch die Herstellung mit Tinte auf Schnitzvorlagen mit hoher Präzision. Weiter ging’s mit hunderten Bögen vielfältiger Muster und Farben, Postkartenvorlagen und Bastelpappen. Die liebevoll drapierten Origamibücher, Typografie-Ratgeber und Crafting-Anleitungen verleiteten mich schließlich zum Dialog mit einigen Künstlern im Paper-Art Bereich. Besonders interessant war das Gespräch mit Petrus „Petrus Kunst“ Scholz, dessen Onlineslogan passend „Wer Petrus nicht kennt hat das Leben verpennt“ lautet. Und das zu Recht!
Die faszinierenden Skulpturen aus um-modellierten Romanen und Lexika zeigen sozialkritische Ereignisse auf, die mit ihrer satirisch-provokanten Art auch für Missstände des aktuellen Geschehens wachrütteln. Scholz, Jahrgang 1951, besitzt einen Magister in Soziologie und feierte bereits 1969 seine erste Einzelausstellung in Freiburg. Weitere in Augsburg, Wien, Berlin, München, Düsseldorf und mehr folgten, sowie einige Preise für seine Kunst-Botschaften. Obwohl so manch ulkig gestaltetes Männchen einen zum schmunzeln bewegt, gibt es auch ernste Kost mit Darstellungen wie „Antikampf“, einer visuellen Buch-Antwort auf das von Adolf Hitler verfasste „Mein Kampf“.

Nekonique Minipressen Messe

Nekonique Minipressen Messe

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Mit frischer Fantasie aufgeladen stürzte ich mich gleich mit dem charismatischen Herausgeber des „Amizara’s Chronik“-Standes in den nächsten Dialog. Der Roman ist das Goldstück eines begabten Autorenkollektivs, das 2014 den dritten Platz beim RPC (Role Play Convention) Fantasy Award belegte. Momentan wird am Abschlussband der Trilogie gefeilt, Fans freuen sich solang über das kunstvoll gestaltete Merchandise aus Vorbänden. Vor Ort konnte ich eines der qualitativ hochwertig gebundenen Exemplare in die Hand nehmen und mich von den Zeichnungen, mystischen Runenrätseln und der insgesamt düsteren, zauberhaften Gestaltung einnehmen lassen.
Man bemerkte die Hingabe zum Projekt auf jeder einzelnen Seite, Hut ab dafür! Jetzt schwebte ich gut gelaunt durch die Gänge für bildschöne, verschnörkelte Märchenbücher, sah mich an den filigranen Statuen aus Papier satt und betrachtete die aus Holz gefertigten Buchnachbildungen, leuchtende Buchlampen oder dekorative Illustrationen. Ich konnte mir ein fettes Grinsen nicht verkneifen, als ein zierliches Fräulein in unschuldigem Blümchen- Ballonrock federleicht an mir vorbei tänzelte und sich wie selbstverständlich als Verkäufer hinter den Stand mit Hardcore-Sex Novellen setzte. Süß ist was für Spießer! 😀

Nekonique Minipressen Messe

Nekonique Minipressen Messe

Nekonique Minipressen Messe

Aber so schön der erste Eindruck der Minipressen-Messe auch war, ab diesem Punkt ging es mehr oder minder bergab. Es fing mit finsteren Blicken seitens diverser Verkäufer an, sobald ich die Kamera hervor kramte. Da ich finde, dass es sich einfach gehört sich persönlich vorzustellen und freundlich danach zu fragen, ob man einen Schnappschuss vom Stand wagen darf, war mir dieses Verhalten ein Rätsel. Natürlich will man ja wissen wer da fotografiert und wofür das Foto ist, diesen Respekt sollte man stets einhalten – Doch obwohl ein paar Herausgeber aufgeschlossen waren, sich sogar freuten, schien allein die unheilvolle Anwesenheit der Kamera andere auf die Palme zu bringen.
Da wurden mir teilweise Sprüche entgegen gezischt, die nichts mehr mit guten Manieren zu tun hatten. Anstatt mich direkt anzusprechen, fingen einzelne Standbesitzer an zu lästern, „wie sehr sie diese dusselige Knippserei doch hassten und dass wir Gören alle gleich unverschämt und aufdringlich“ seien. Dabei entsprach das nicht ansatzweise der Realität. Mir fielen natürlich vereinzelt Besucher auf, die hier und dort ungeniert ihr Handy zückten und ungefragt drauflos blitzten, aber ich fand es nicht sonderlich fair über einen Kamm geschert zu werden, aus dessen Schema ich mich offensichtlich raushielt. Trotzdem wurde in Sekundenschnelle eine abfällige Meinung gebildet, ohne dass ich in erster Linie überhaupt den Mund öffnen konnte – eine Handhabung die MICH zuverlässig auf die Palme bringt. Der Gedanke scheint befremdlich, dass man sich auf eine Messe mit über 10.000 Besuchern stellt um seinen Stand bekannt zu machen, jedoch in Rage verfällt, sobald jemand vorsichtig nachfragt ob man ihn ablichten darf.
Versteht mich nicht falsch, jeder hat das gute Recht nicht vor die Linse kommen zu wollen! Aber muss man das mit verzogenen Grimassen und Getuschel kundtun, statt stinknormal und angenehm abzulehnen? Man braucht mich auch nicht gleich über den Haufen zu rennen – damit wären wir übrigens beim nächsten Punkt. Oft hielt ich die DSLR ungenutzt an der Tasche und schaute mich bloß um, da drängte plötzlich jemand Schulter-buffend an mir vorbei. Das rabiate Geremple beschränkte sich zwar nur auf 3-4 Vorfälle, war dadurch aber nicht weniger dreist.
Ich blieb nicht das einzige Ziel, auch andere Cam-Besitzer wurden zu „zufälligen“ Zielscheiben der selbsternannten Schulterbuff-Gang. Wer macht denn sowas, ernsthaft?! Selbst wenn ich eine unpersönliche Panorama-Aufnahme der Räumlichkeiten in Angriff nahm, wurde ich von bösen Mienen fixiert, als sei ich ein Schwerverbrecher. Es ist doch kinderleicht: Wenn Kameras hier zur Wurzel des Bösen auserkoren werden, hätte man das Fotografieren auf der Messe vorab einfach ganz verbieten können, fertig. Fiese Sprüche, abweisende Blicke, Rempeln und Lästerei machten die Minipressen-Messe also unterm Strich zu einem unerwartet unbehaglichen Erlebnis, auch wenn dies nur an einzelnen Verkäufern lag und nichts (!) mit dem Veranstalter selbst zu tun hatte.

Nekonique Minipressen Messe

Es lag natürlich nicht nur an der Kamera, auch als normaler Kunst-Bummler wurde man an manchen Stellen argwöhnisch beäugt oder gelangweilt ignoriert, das hörte ich später auch von anderen Gästen. Da sich das durchschnittliche Alter der Verkäufer oft so zwischen 40 und 60 befand, hätte man vermutlich erwachsenes, gelasseneres Verhalten von einzelnen Miesmachern erwartet.
Abgesehen davon fand sich neben einzelnen „Wow!“- Stücken, die dem originellen Image der Messe voll entsprachen, auch ziemlich viel „überteuerter Mainstream“, der neben den handgebundenen Schönheiten einen fahlen Beigeschmack hinterließ. Aber genug jetzt mit der Kritik! Man darf eben nicht vergessen, selbst wenn recht viele Teilnehmer auf der Veranstaltung als unbegründet unfreundlich auffielen, hatten sie vielleicht bloß einen schlechten Tag oder waren durch zu häufige, negative Vorerfahrung gezeichnet. Man sollte immer zuerst davon ausgehen, dass jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden ist und sowas deutlich weniger böse meint, als es im Moment wo es einem selbst widerfährt, ankommt.
Ungeachtet dessen blieb die Minipressen-Messe eine anregende Erfahrung und sollte von jedem Typografie-Begeisterten in den Kalender gepinnt werden. Fern der Miesepeter gab es genug spannende Projekte zu bestaunen und motivierende Gespräche zu führen, die ich nicht mehr missen möchte. Die Möglichkeit aufstrebenden Autoren eine verdiente Plattform für ihre harte Arbeit zu geben ist mehr als lobenswert und kann ruhigen Gewissens von jedem Designfan unterstützt werden.

Für den Fall, dass ihr bei der nächsten Veranstaltung zeitlich verhindert seit, könnt bei einer virtuellen Variante reinschnuppern.

Fotos: Chery

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