Bedtime Story Live in Concert – Im Interview mit Tristan Blaskowitz

Vor drei Jahren lernte ich in meinem Studiengang einen engagierten, kreativen und etwas verrückten Kerl kennen – Instant Friendship! Der 23-jährige Tristan Blaskowitz ist neben seinem Masterstudium im Bereich „Zeitbasierte Medien“ an der Hochschule Mainz, auch freiberuflicher Komponist und Filmemacher. Heute reden wir über seinen bisher größten Coup „Bedtime Story – Live In Concert“, welches erstmals als Abschlussarbeit seines Bachelors in ganz großem Stil aufgeführt wurde. Als einer der etwa 500 Zuschauer behielt ich das Event seither stets als beeindruckendes, audiovisuelles Spektakel in Erinnerung.

Chery: Zunächst basierte der Grundriss zu Bedtime Story ja auf einem gleichnamigen Game, das zuvor in der Hochschule Mainz produziert wurde. Kannst du uns etwas davon erzählen? In welchem Rahmen ist dein Projekt dann entstanden, wie kam es zu der Idee einer eigenständigen Show?

Tristan: „Bedtime Story“ ist ein experimentelles Videospiel und wurde im Rahmen einer Semesterarbeit im Sommer 2014 realisiert. Gerrit Gugau, Dennis Wetzel, Dominic Ladendorf und Lukas Kölz haben gemeinsam die Geschichte entwickelt und schließlich in der „CryENGINE“ umgesetzt. Ich habe für das Videospiel die Musik komponiert und die Welten des Abenteuers vertont. Die Handlung des Spiels folgt zunächst einem Klischee: In einem Mittelalter-Setting schlüpft der Spieler in die Rolle des Stallburschen und muss die Prinzessin retten. Die Besonderheit: Die Geschichte des Spiels wird von zwei Kindern, einem Jungen und seiner Schwester, in Form einer Gutenachtgeschichte erzählt.
Doch da der Junge die Geschichte zu düster darstellt, greift seine Schwester in die Erzählung ein und verwandelt sie in ein strahlendes Märchen mit Einhörnern und Süßigkeiten. Den Traum, eigene Musik vor Publikum zu spielen, hatte ich schon lange. Ich hatte mit Abschluss des Soundtracks endlich das Gefühl etwas geschrieben zu haben, was ein gewisses Level erreicht hat um es einem größeren Publikum zu präsentieren. Allerdings ist es natürlich schwierig als unbekannter, neuer Künstler Zuschauer zu gewinnen. So wurde die Ursprungsidee, den Soundtrack des Spiels als klassisches Konzert aufzuführen, verworfen und stattdessen kam der Gedanke auf, das gesamte Videospiel als Bühnenshow zu inszenieren. Das erste Konzept entstand im Oktober 2014. Dieses Projekt wurde schließlich zu meiner Bachelorabschlussarbeit, an dem letztendlich ingesamt 100 – 200 Menschen beteiligt waren.

Chery: Viele Kapitel des Spiels werden also von deiner Musik begleitet – Wie viele Tracks umfasst Bedtime Story und mit welcher Inspiration hast du die Stücke konzipiert?

Tristan: Der Soundtrack des Spiels umfasst 10 Titel, im Spiel selber sind jedoch nur 9 davon zu hören. Die Titel haben ingesamt eine Laufzeit von 26 Minuten. Dann nutzte ich die Zeit im Wintersemester 2014/2015 dazu um weitere Ideen, die zeitlich nicht umgesetzt werden konnten, auszuarbeiten und so erweiterte ich die Tracks auf eine Anzahl von 12 mit einer Laufzeit von 45 Minuten. Die größte Inspiration beim Schreiben der Stücke stammt natürlich aus dem Spiel selbst. Ich habe eng mit den Entwicklern des Games zusammen gearbeitet und direkt zu Beginn Concept Arts erhalten. Als die Level grob standen, hat Lukas mir das gesamte Spiel vorgespielt und ich habe mich von der grafischen Umsetzung und Stimmung darin inspirieren lassen. Die größte musikalische Inspiration für mich ist der britische Komponist Mike Oldfield.

Chery: Welche Auswahl an Instrumenten fanden sich in diesen Stücken ein?

Tristan: Neben Pauken, Snare und Base Drum, kommen noch Djemben, Congas und Handtrommeln in „Bedtime Story“ zum Einsatz. Beim chromatischen Schlagzeug spielen Röhrenglocken und Glockenspiel eine große Rolle. Durch irische und keltische Musik lernte ich den Klang der Tin Whistle zu schätzen und baute diese in die Kompostionen ein. Ich verbinde die Tin Whistle sofort mit einer Fantasy-Welt, nicht nur aufgrund vieler keltischen und irischen Sagen. Das Thema des Auenlands aus dem Film „Der Herr der Ringe“ wird auch auf diesem Instrument gespielt.

Chery: Und es klang wundervoll! Wie lange beschäftigst du dich denn allgemein schon mit Musik und welche Instrumente beherrscht du? Du hattest ja schon zuvor Auftritte als Komponist.

Tristan: Ich spiele seit 2007 Klavier und nehme auch Unterricht. Bereits nach kurzer Zeit fing ich an eigene Melodien zu entwickeln und eignete mir Wissen zur digitalen Musikproduktion am Computer an. 2011 und 2013 veröffentlichte ich über digitale Vertriebswege (iTunes, Amazon etc.) zwei selbstproduzierte Alben. Für den Song „Love Dreams“ arbeite ich hierzu auch erstmal mit einer Sängerin zusammen. Die Aufführung von „Bedtime Story – Live In Concert“ war in der Tat das größte Konzert was ich jemals gegeben habe. Zuvor hatte ich nur kleinere Auftritte mit klassischen Klavierstücken bei Events in der Umgebung, die mein Klavierlehrer regelmäßig organisiert. Eigene Musik habe ich aber auch schon live gespielt. Zusammen mit meinem Bruder Vincent habe ich Stücke aus „Bedtime Story“ für vier Hände am Klavier arrangiert und bei einem Event bei uns in der Stadt aufgeführt. Die Filmmusik zum Kurzfilm „Night“ habe ich ebenfalls im Trio mit Schlagwerk, Cello und Klavier aufgeführt.

Chery: Wie dürfen wir uns den technischen Auftritt von deinem Projekt vorstellen? Mit welchen Medien hast du bei der Show gearbeitet?

Tristan: Ich selber bezeichne „Bedtime Story – Live in Concert“ als multimediale Bühnenshow. Ich verbinde die Medien Realfilm, Animationsfilm, Videospiel, Theater und Musik in einem großen Gesamterlebnis. Ein Orchester, ein Chor und eine Band spielen live die Musik und auf einer riesigen Leinwand erleben wir gefilmte Sequenzen direkt aus dem Videospiel.Auf der Bühne selbst befindet sich das Bett, in dem zwei Kinderdarsteller liegen und die Geschichte erzählen. Das Bett wurde speziell für die Show angefertigt und besitzt sogar eine eingebaute Einhorn LED. Für jedes Stück wurde auch eine eigene Lichtshow programmiert.
Am Ende griffen alle Elemente und Medien ineinander über. Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, waren intensive Proben bezüglich Timing nötig, die Kinder spielten letztendlich sogar mit dem Stallburschen zusammen, da dieser auf der Leinwand auf die Erzählung der Kinder reagiert. Dieser wurde von Schauspieler Samuel Schaarschmidt gespielt und mittels separat gedrehter Greenscreen-Aufnahmen in das Environment der Gameszenen eingearbeitet. Ich selber führte während der Aufführung Regie und war per Funk mit Schauspielern, Licht- und Videotechnik verbunden und sorgte für das korrekte zeitliche Zusammenspiel der Elemente. Der Dirigent orientierte sich zeitlich an einen Taktgeber in der Videospur.

Chery: Die Organisation zu all diesen Komponenten muss wirklich der Hammer gewesen sein. Vielleicht kannst du uns mehr über das Ensemble auf der Bühne erzählen und wie sich diese ganze Planung stemmen ließ?

Tristan: Ich bin durch Mainz, Wiesbaden, Frankfurt und Umgebung gezogen und habe alle Orchestervereine, Musikhochschulen und Chöre abgeklappert und versucht für mein Projekt zu begeistern. Leider war es für die meisten Vereine zu kurzfristig oder es hatte terminlich nicht gepasst. Ich stieß schließlich durch eine Empfehlung auf >ROAM, die rheinische Orchesterakademie Mainz, ein Projektorchester, welches sich für Projekte aus den benötigten Musikern zusammen setzt, an Wochenenden das Material einstudiert und auf ein Konzert hinarbeitet. Ich traf mich mit dem Vorstand von ROAM und sie waren vom Projekt sofort hin und weg.
Über Facebook habe ich durch eine Anzeige, die ich über die Fachschaft der Musikhochschule Mainz geschaltet hatte, Benedikt Stumpf kennen gelernt. Dieser übernahm die Rolle der musikalischen Leitung und hat den kompletten Chor zusammen gestellt. Über ihn habe ich auch Laura Heinz kennen gelernt, welche stilecht im Elfenkleid die Gesangparts übernommen hat. Die Solisten für Gitarre, Bass, Keyboard und Tin Whistle habe ich ebenfalls, auch teilweise aus dem Bekanntenkreis, über Facebook gefunden und organisiert. Die Proben und Aufführung fanden schließlich in der Aula der Hochschule Mainz statt. Auch hier erfolgte eine Kooperation mit Verwaltung, Hausmeistern und Dozenten, die all dies möglich gemacht haben.

Chery: Wie hast du anschließend auf die Show aufmerksam gemacht? Worauf musste bei Technik und Audio geachtet werden?

Tristan: Für die Promotion der Show habe ich Flyer und Plakate drucken lassen und in Mainz verteilen lassen. Eine eigene Website und Facebook Seite wurde ebenfalls erstellt. Ich habe außerdem Pressemeldungen an lokale Zeitungen gesendet und gab auch ein Interview für die STUZ. Es war die erste Veranstaltung, die ich selber organisiert habe. Die Suche nach dem richtigen Raum erwies sich als besonders schwierig. Ich habe mir sämtliche Gemeindehallen, Bürgerhäuser und Event-Locations in Mainz und Umgebung angeschaut, aber entweder passte es räumlich oder finanziell nicht. Aufgrund der Größe des Orchester und der Video- und Lichtinstallation benötigte ich eine hohe Decke und eine gewisse Breite des Raumes. Ich konnte mich schließlich mit der Hochschule Mainz einigen und das Konzert in der Aula aufführen. Ich mich natürlich an gewisse Vorgaben halten bezüglich der Sicherheit und der Raumnutzung, da schließlich externe Zuschauer an die Hochschule kamen. Damit auch rechtlich alles abgesichert war, habe ich die Veranstaltung bei der Stadt angemeldet und Genehmigungen bezüglich dem Verkauf von Speisen und Getränken, sowie dem erreichen eines gewissen Lärmpegels, eingeholt.

Chery: Welche Probleme oder Herausforderungen gab es vor und während der Show? Wie hast du dich gefühlt als der große Moment kam?

Tristan: Die Herausforderung für mich war eigentlich das das Projekt in der Anfangsphase sehr abstrakt war. Das Endprodukt war zwar irgendwie klar, aber auch nur eine Skizze auf dem Papier. Ich habe aber den Stein ins Rollen gebracht und es gab irgendwann kein Zurück mehr. Die letztendliche Finanzierung stand zu Beginn noch gar nicht fest. Ich erhielt schließlich Fördergelder der „Film und Mediennachwuchsförderung Rheinland-Pfalz“, sowie ein Preisgeld vom Ilmenauer Medienpreis „Gläserner Johahn“, bei dem das Konzept zur Show gewonnen hatte.
Es gab Momente in der Projektphase in der ich kurz davor war alles hinzuschmeißen. Aber nach jedem Rückschlag gab es auch wieder einen Lichtblick und am Ende griff jedes Zahnrad ineinander und etwas wunderschönes wurde erschaffen. Der Tag der Aufführung war sehr stressig und ich war extrem nervös und zitterte am ganzen Körper. Drei Stunden vor Konzertbeginn saß ich noch Zuhause und hab noch die letzten Clips für den Hintergrundfilm gerendert. Ich hatte Angst das im letzten Moment noch etwas entscheidendes Schief laufen könnte und so die Arbeit von Monaten einfach zu Grund gehen würde. Aber die Sorge war unbegründet.

Chery: Welche Höhepunkte hatte das Projekt für dich persönlich? Was hat dir daran besonders spaß gemacht?

Tristan: Der erste große Moment war für mich die erste Orchesterprobe. Ich habe zum ersten Mal meine eigene Musik wirklich gehört, da hatte ich Freundentränen in den Augen. Der eigentliche Höhepunkt war natürlich die Aufführung. Ein voller Raum voller begeisterter und konzentrierter Zuschauer, von jung bis alt. Ich bin unendlich dankbar für jeden der an diesem Projekt mitgearbeitet hat, jeder hat viel Liebe und Engagement in seinen Aufgabenbereich gesteckt um gemeinsam etwas Grandioses zu erschaffen. Am meisten Spaß hat es mir gemacht, neben dem Dreh im Greenscreen-Studio, zu erleben wie die Ideen langsam zum Leben erwecken und ein IKEA Bett zu einem Einhorn-Segelschiff wird, geschriebene Noten in einer Partitur von Menschen gespielt werden und eine Aula sich nach und nach in eine Konzerthalle verwandelt hatte.

Chery: Könntest du dir vorstellen dieses Erlebnis zu wiederholen? Welchen Tipp hast du für Nachwuchs-Musiker, die auch von so einer Show für ihre Stücke träumen?

Tristan: Weitere Aufführungen von „Bedtime Story – Live In Concert“ sind ein großer Traum von mir. Ich habe bereits Kontakt mit Theatern und Verlagen aufgenommen, aber bisher noch keinen Erfolg gehabt. Ich arbeite weiter daran. Privat kann ich ein solches Projekt nicht finanzieren. Ich arbeite auch bereits an einem neuem Projekt, welches ebenfalls wieder eine Bühnenshow werden soll. Aber das ist alles noch Top-Secret! Ein Tipp? Wenn ich Projekte angehe, dann denke ich immer sehr, sehr groß. Am Ende muss man Abstriche machen und Kompromisse eingehen, aber je größer Traum, desto größer ist auch der Wille und die Motivation sich dahinter zu klemmen, um sein Ziel zu erreichen.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich für das offene Wort bedanken und wünsche erneute Gratulation zu der fantastischen Show!

Wer sich selbst von ein paar Ausschnitten aus dem Event überzeugen möchte, kann sich die Playlist auf Tristans Youtube Channel anschauen oder geht direkt auf www.bedtimestory‐live.de Mehr zu Tristan und seinen Werken findet ihr auf seiner Website, Twitter oder Facebook. Musik-Fans hören natürlich bei seinem Soundcloud rein.

Fotos: Tristan Blaskowitz, Gerrit Gugau, Dennis Wetzel, Dominic Ladendorf, Lukas Kölz, Bedtime Story Project Team

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